Unterhemd und -kleid

Das Unterhemd, auch Unterkleid, Chemise, Smock oder Hemd genannt, war die essenzielle Unterwäsche im Mittelalter für alle Geschlechter. Der einzige Unterschied bestand in der Länge. Für Frauen waren die Unterkleider Knie bis Knöchellang, dasselbe galt für Männer im 10.-12. Jahrhundert, danach wurde aber nur für sie das Unterhemd kürzer und es reichte nur noch von der Hüfte bis zum Knie.

Das Unterkleid befand sich direkt auf der nackten Haut und bewahrte die Träger vor der oftmals rauen und kratzenden Oberkleidung. Außerdem schützte sie gleichzeitig die Oberkleidung vor Schweiß und dem Fett der Haut. Die Träger bekamen gleichzeitig eine zusätzliche wärmende Schicht die jedoch durch Aufnahme von Schweiß auch kühlen konnte. Zusätzlich zu dem Unterhemd trugen Männer Braies/Bruchen, Frauen trugen keine zusätzliche Unterwäsche.

Die Materialien die verwendet wurden waren Leinen und Wolle. Seide wurde nur vom Adel verwendet und Baumwolle war noch seltener. Im Mittelalter war die Unterkleidung recht schlicht, jedoch finden sich ab und an Dekorationen wie Stickereien oder Bänder und Borten.

Das Hemd wird in der mittelalterlichen Kunst ab und zu bei diesen Themen gezeigt:

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Vincent de Beauvais (15. Jahrhundert)-„Märtyrertod von 40 Märtyrern“

  • Demütigung, Buße oder Hinrichtungen: Menschen die nur in Unterhemd, manche sogar nackt oder in Bruchen, in der Öffentlichkeit gezeigt werden, wurden öffentlich für ihre Vergehen gedemütigt. Ein Schritt weiter war es Menschen bei ihrer Hinrichtung im Unterhemd zu zeigen. Als Zeichen der Buße auch nur ein Hemd getragen.

 

Female shield supporter wearing a see-through chemise & henin

  • Erotik: Manche Damenunterkleider bestanden aus so dünnem Stoff, dass das Kleid fast durchsichtig erschien. Wollte man die Frauen nicht nackt darstellen, konnte man einfach ein durchsichtiges Unterkleid malen. Das kam zwar aufs Gleiche hinaus, doch waren die Damen offiziell bekleidet.

 

  • Bauern: Bauern die ihre Feldarbeit erledigen werden oftmals auch nur in Unterkleidung dargestellt. Vermutlich wollte man während der schweißtreibenden Arbeit nicht noch eine zusätzliche Oberkleidung tragen.

 

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  • Schlafgewand: Ein sauberes Unterhemd diente gleichzeit auch als Schlafgewand für alle sozialen Schichten.
Jena code Antithesis Christi et Antichrist folio Date of Origin 1490 to 1510

Jena code: Antithesis Christi et Antichrist folio. ca. 1490-1510

  • Bademagd: In zahlreichen Badehäusern im Mittelalter arbeiteten Bademägde in ihrer Unterwäsche. Auf die Besonderheit im Unterkleid aber später.

Leider sind nicht sehr viele Unterhemden aus dem Mittelalter erhalten geblieben, doch gab es genügend Funde um eine genaue Rekonstruktion zuzulassen . Bilder stellen eindeutig den größten Teil der Quellen dar, jedoch lässt sich über Bilder leider nur ein ungenaues Bild über die Konstruktion der Unterhemden erstellen, deswegen muss man die Funde und die Bildquellen vereinen um ein gutes  Ganzes zu bekommen.

 

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Quelle fehlt. Das Original hängt im Museum de Traje in Madrid

Das Unterkleid der Infanta Maria von Spanien, gestorben 1235, wurde in der Stiftskirche San Isidoro de León gefunden und ist für ihr Alter in einem bemerkenswerten Zustand. Die dünkleren Stellen gehören zu dem Originalkleid während der helle Teil hinzugefügt wurde um das Unterkleid zu vervollständigen. Wie man sieht ist die obere Hälfte des Unterkleides ziemlich gut erhalten geblieben während der Saum fast komplett verschwunden ist.

Folgende Fakten konnte man nun aus dem Kleid gewinnen:

  • das Kleid besitzt keine Schulternähte
  • ab der Hüfte wurden Keile eingenäht
  • der Mittelteil ist gerade geschnitten
  • die Ärmel sind einteilig und besitzen Unterarmkeile
  • an der Brust befindet sich ein Schlitz

Die technische Zeichnung sieht wie folgt aus:

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Dies ist ein gutes Beispiel für ein Basis Unterhemd. Andere Formen wären diese:

Consulter Element Unterhemd mit Seitenschlitz

Unterhemd mit Seitenschlitz

 

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Unterarmkeile, Seitenschlitze, runder Ausschnitt, gerader Mittelteil

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V-Auschnitt, Unterarmkeile, zwei Seitenkeile,

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Unterarmkeile, Mittelkeile,

Eine etwas andere Form stellen die Kleider ohne Ärmel dar. Bevorzugt wurde es von Bademägden getragen, jedoch gibt es auch ein Bild in dem es als normales Unterkleid zu sehen ist. Es gibt auch ein erhaltenes Fundstück welches jedoch in einer privaten Sammlung verschollen ist.

Balaam-Meister

Bademagd: Unterkleid mit Träger, Seitenkeilen(?), Taillenband

So würde es ca. aussehen:

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In der Burg Lengberg in Österreich wurde eine spezielle Version eines Unterkleids gefunden, welche vorher nur in schriftlichen Quellen beschrieben wurden. So sollen diese Kleidungsstücke Säcke haben in denen Frauen ihre Brüste legten.

Lengberg-BH

(Foto: Institut für Archäologien, Universität Innsbruck / B. Nutz)

Ein gezeichnetes Bild einem Schneider, der die Unterkleidung herstellt, gibt es. Man sieht die Schnürung auf der Seite und die „Säcke“ für die Brüste. Der Halsauschnitt ist rund und vermutlich gibt es auch eine Armkugel.

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So wäre in etwa die technische Zeichnung. Klar ist jedoch nicht ob der Rockteil in Falten gelegt oder gerafft wurde. Würde man hier den Rockteil weglassen, würde es aussehen wie der „BH“ aus Lengberg.

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Der Schnitt

Im letzten Abschnitt wurde ein Überblick über die vorhandenen Funde und ein paar Bildquellen gegeben. Dieses Kapitel beschäftigt sich nun mit der Erstellung eines Unterhemd bzw Unterkleid mit Ärmeln.

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A = 2x Körperlänge, von der Schulter bis zur gewünschten Länge zweimal
B = 1/2 Körperbreite , die breiteste Stelle am Körper (Männer: Bauch, Frauen: Brust oder Hüfte) abmessen und durch zwei teilen
C = Schulter bis zum Handgelenk.
D = Oberarmumfang + 2-4cm
E = Handumfang + 2-4cm
F = Entweder vom Unterarmkeil bis zum Saum oder ab der Hüfte bis zum Saum
Unterarmkeile: zwei gleichgroße Quadrate zu 5-10 cm

Die Herstellung

  • Schneidet alle Teile mit Nahtzugabe von 1-2 cm aus.
  • Zeichnet den Halsauschnitt ein, dabei ist er am Vorderteil weiter/tiefer als am Hinterteil. Schneidet ihn aus.
  • Wenn ihr das Unterkleid nicht an einem sondern in zwei Stück gemacht habt dann werden nun die Schulter aneinander genäht.
  • Näht die Seitenkeile zusammen. Steckt sie anschließend auf das Vorder- und Hinterteil.
  • Misst die Ärmelmitte und pinnt diese dann an das Vorder- und Hinterteil. Ein Unterarmkeil kommt auf einer Seite hinzu. Anschließend wird der Ärmel an das Hemd/Kleid genäht.unterkleid arm
  • Zu guter letzt pinnt man den Ärmel, die Seiten und Seitenkeile zu und kann alles in einem durch Nähen.

Variation Mittelkeile: Das Vorderteil wird in der Mitte bis zur Hüfte aufgeschnitten, danach setzt man die Mittelkeile ein.

Variation Unterarmkeil: Hier wird zuerst der Unterarmkeil auf einer Seite an die lange Seite des Ärmels genäht. Danach wird die nächste Seite an die andere Hälfte des Armes genäht. Der Ärmel wird nun an den Seiten festgenäht und anschließen in das Unterhemd eingesetzt.

Weiterführende Links

Katafalk hat in ihrem Blog den Lengberger BH rekonstruiert und hat davon ein Schnittmuster gemacht. Sehr lesenswert, jedoch nur auf Englisch.

Auf unserem Pinterest Board gibt es Tutorials und viele Bilder

Neulakko hat eine wunderbare Anleitung geschrieben über eine Unterkleid, welches gleichzeitig die Brust unterstützt.

 

 

 

 

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Kategorien: mittelalter

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